Innsbruck (OTS) – Die auch 2025 wieder gut besuchten Tiroler
Ärztetage haben ihren
festen Platz im jährlichen Veranstaltungskalender der Tiroler
Ärzteschaft, der Ärztekammer und der UMIT in Hall. Einen Höhepunkt
bildete die von der Ärztekammer für Tirol organisierte
Podiumsdiskussion, die sich in diesem Jahr dem Thema ‚Prävention
heute und morgen‘ widmete.
Am illustren Podium diskutierten unter der Leitung von Dr. Edgar
Wutscher, Bundeskurienobmann der niedergelassenen Ärzte, ao. Univ.-
Prof. Dr. Herwig Ostermann, Geschäftsführer der Gesundheit Österreich
GmbH (GÖG), Dr. Andreas Krauter, MBA, Leiter des Fachbereichs
Medizinischer Dienst bei der Österreichischen Gesundheitskasse (ÖGK),
Peter Lehner, Obmann der Sozialversicherung der Selbständigen (SVS)
und der langjährige Tiroler Ärztekammer-Präsident Dr. Artur
Wechselberger, nunmehr Referent der Österreichischen Ärztekammer für
Sozial- und Vorsorgemedizin.
Zunächst wurde der Abend mit einem Impulsvortrag von Herwig Ostermann
eröffnet. Die Vision der im Eigentum der Republik stehenden
Gesundheit Österreich GmbH (GÖG) ist es, als nationales Public-Health
-Institut das führende Kompetenzzentrum für Bevölkerungsgesundheit,
Gesundheitsförderung, Prävention, Versorgungsplanung und Qualität im
Gesundheitswesen zu sein. Es gehe darum, Nutzen für die Bevölkerung
zu schaffen, indem die GÖG evidenzbasierte Grundlagen für ein gutes,
effizientes und gerechtes Gesundheitssystem bereitstellt und dazu
beiträgt, dass alle in Österreich lebenden Menschen bei guter
Gesundheit ein hohes Alter erreichen.
In seinem Vortrag skizzierte Prof. Ostermann unter anderem die
Aufgaben eines öffentlichen Gesundheitswesens, Herausforderungen oder
auch populäre Mythen, zum Beispiel die Überschätzung der „Burden of
Disease“ (Krankheitslast, Auswirkungen einer bestimmten
gesundheitlichen Belastung auf die Gesellschaft) einzelner
Krankheiten, dass Prävention immer billiger als Behandlung sei oder
man bei einem Screening alles mit Sicherheit erkennen könne.
Ostermann konstatierte, dass die hiesige Lebenserwartung – Covid-
bedingt – erstmals seit 1945 zurückgegangen ist. Österreich stehe im
europäischen Vergleich trotz eines sehr guten Gesundheitssystems weit
weg von den Spitzenplätzen. Er zeigte auf, was die Morbidität und
Mortalität einer Bevölkerung beeinflusst: genetische Faktoren (30 %),
soziale Faktoren (15 %), Umweltbedingungen (5 %), medizinische
Versorgung (10 %), aber zum überwiegenden Teil das Verhalten der
Menschen (40 %). Er ging damit auch auf die negativen Auswirkungen
von Rauchen, Alkoholkonsum und Übergewicht auf die öffentliche
Gesundheit in Österreich ein. Gerade in puncto Rauchen und Alkohol
stehe Österreich im europaweiten Vergleich nicht gerade gut da. Der
bildungsbedingte Unterschied bei der Lebenserwartung beträgt fast
sechs Jahre bei Männern und vier Jahre bei Frauen.
Zwtl.: Anreiz- und Bonussysteme als Faktor
Im Anschluss wurde gemeinsam mit den Teilnehmer:innen erörtert,
wie die Prävention in der Republik gestärkt werden kann, um die
Anzahl gesunder, qualitativ hochwertiger Lebensjahre in der
Bevölkerung zu erhöhen. Dabei standen etwa effektive Programme zur
Gesundheitsförderung und die Finanzierung von präventiven Maßnahmen
im Fokus der Gespräche. „Durch entsprechende Präventionsmaßnahmen
müssen wir es schaffen, das Verhalten der Bürgerinnen und Bürger so
zu beeinflussen, dass sie dadurch gesünder werden. Die Ärzteschaft
spielt hierbei natürlich auch eine große Rolle. Sie muss von den
Patient:innen einfordern, gesünder zu leben, und diese dabei
unterstützen. Da ist ärztliches Know-how und Engagement gefragt“,
sagte Dr. Artur Wechselberger.
Aufgezeigt wurde in der Runde beispielsweise, welchen großen Nutzen
staatliche Gesundheitsvorsorgeprogramme haben, wie der in den 1970ern
eingeführte Mutter-Kind-Pass, der inzwischen zum Eltern-Kind-Pass
weiterentwickelt wurde. Und wie weitere Anreiz- oder Bonussysteme für
die Bevölkerung aussehen könnten, etwa eine Art Präventionspass für
Erwachsene, um eine frühzeitige Diagnose und etwaige Therapie zu
ermöglichen. SVS-Obmann Peter Lehner: „In der SVS gewähren wir etwa
einen 100-Euro-Bonus für die Vorsorgeuntersuchung. Die Zahlen derer,
die das auch wahrnehmen, sind zuletzt gestiegen. Ein gesunder
Lebensstil und Selbstverantwortung werden bei uns insofern honoriert,
da durch die Teilnahme an den Programmen ‚Selbständig Gesund‘ und
‚Nachhaltig Gesund‘, bei denen individuelle Gesundheitsziele erreicht
werden müssen, der Selbstbehalt deutlich reduziert werden kann.“
Weitere Aspekte in der Diskussion: Gerade Vorsorgeuntersuchungen,
Screenings zur Früherkennung (Beispiel Krebs) oder auch Impfungen
seinen essenziell, werden aber von vielen Teilen der Bevölkerung
nicht wahrgenommen. Vor allem Männer seien weniger dazu bereit als
Frauen. Dr. Andreas Krauter von der ÖGK: „Die Screening-Angebote im
Land werden insgesamt zu wenig genutzt. Früherkennung und Prävention
sind ausbaufähig. Geplant ist daher ein Einladungssystem zur
Vorsorge, wobei dabei individuell selektiert werden soll – es wird
voraussichtlich eine Unterteilung in Gruppen geben, etwa Menschen,
die länger nicht mehr bei einem Allgemeinmediziner waren etc.“
Zwtl.: Leben retten, Leiden verhindern
Die demografische Entwicklung treibe die Ausgaben des staatlichen
Systems in die Höhe, hörte man aus der Expertenrunde.
Eigenverantwortung in Form eines gesunden Lebensstils und der
Solidaritätsgedanke – Leistungen nur in Anspruch zu nehmen, wenn man
sie auch wirklich brauche – seien jedenfalls maßgeblich, so der
Tenor. Das Anspruchsdenken sei zu hoch: Der Staat könne bei einer
immer älter werdenden Bevölkerung nicht für alles verantwortlich
sein, allein schon aus budgetären Gründen. Jeder Mensch sei
gefordert, durch die Mischung aus entsprechender Lebensweise und
notwendigen Vorsorgeuntersuchungen seinen Teil zum Erhalt des
medizinischen Systems und dessen Finanzierbarkeit beizutragen. Denn
es gebe klare Grenzen im System.
Tirols Ärztekammerpräsident Dr. Stefan Kastner zeigte sich von den
Inhalten und Botschaften der Diskussionsrunde angetan, stellte aber
auch klar, dass hierzulande noch einiges zu tun wäre: „Prävention
kann Leben retten und Leiden verhindern. Wir als Ärztekammer fordern
die Politik auf, geeignete Maßnahmen zu setzen – insbesondere gegen
gezuckerte Getränke in Schulen sowie Nikotin; so sollte es etwa nach
dem Vorbild Frankeichs keine öffentlich zugänglichen
Zigarettenautomaten mehr geben. Und die Politik muss stärker auf die
Folgen von übermäßigem Alkoholkonsum hinweisen. Der Ausbau der
Präventivmedizin und eine entsprechende zielgruppengerechte
Werbekampagne sind zudem dringend erforderlich, um mehr gesunde
Lebensjahre zu ermöglichen.“